Über das Erlauben
Stellen wir uns vor, ein Junge wächst in einer Hardcore-Anglerfamilie auf. Er lernt, dass man Geld ausschliesslich in Köder und Angelgerät investiert und dass alles andere ein Frevel ist.
Dieser Junge heiratet später eine “normale”, nicht angelnde Frau. Und obwohl er die Idee irgendwie charmant findet, bringt er es nicht übers Herz, ein paar Pralinen mitzubringen. Verschwendung! Ich kann nicht aus meiner Haut, denkt er dann und lässt die Pralinen Pralinen sein.
Morgan Housel greift das Thema in seinem Buch “The Art of Spending Money” auf und kommt zu dem Schluss, es gäbe einfach nicht die richtige Art und Weise, sein Geld auszugeben. Er zitiert dazu den Finanzexperten Tim Maurer:
“Personal finance is more personal than finance.”
Bei persönlichen Finanzen geht es eher um Persönliches als um Finanzen: Wir alle haben einen anderen Kontext. Wir sind verschieden, haben unterschiedliche Wurzeln, Prägungen und Erfahrungen - und deswegen unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse, Ideale, Glaubensregeln. Und daher machen die gleichen Ausgaben für den einen Sinn und für den anderen nicht.
Für den einen ist es fast körperlich schmerzhaft, einen billigen Kunststoff-Pullover anzuziehen. Den anderen gruselt allein die Idee, sich den Preis für einen Cashmere-Pullover vorzustellen.
Wir alle wenden gelernte (und unbewusste) Regeln an. Darüber, was man darf. Und was man gefälligst zu lassen hat.
In dem Anglerburschen erkennen wir unsere Muster: Dieser Sohn kämpft mit sich - nicht gegen andere. Er ahnt irgendwie, dass es lohnenswert sein könnte, Geld für andere Dinge auszugeben. Er ahnt, dass es ihm und seiner Frau eine Freude bereiten würde, Pralinen zu kaufen. Aber er kann es nicht umsetzen, als wäre er gefangen. Er ist gefangen - in seinen Vorstellungen, Glaubenssätzen, in seiner Identität.
Ich verrate meine alten Regeln.
Ich bin verschwenderisch.
Ich bin nicht mehr der, den ich kenne.
Ein Teil von ihm (die Angler-Identität) verbietet es, Geld “sinnlos” auszugeben. Ein anderer Teil möchte es. Und so kämpft in seinem Inneren ein Teil gegen einen anderen. Und das ist auch noch vereinfacht dargestellt, denn in der Regel haben wir es mit einer ganzen Bande von Stimmen und Anteilen zu tun - nicht nur zweien. Viele Stimmen, viele Anteile.
Wir haben ein inneres Team.
Die Idee des “inneren Teams” geht auf ein psychologisches Konzept von Schulz von Thun zurück. Es erklärt sinngemäss: Wir alle haben ein inneres Team, bestehend aus unterschiedlichen Stimmen - und unser innerer Frieden hängt davon ab, wie gut sich die Stimmen - also das Team - verstehen.
Dabei geht es vor allem darum, dass alle Teammitglieder (Stimmen) sich verstanden und akzeptiert fühlen, eben ganz wie in einem echten Team. Auch in einem richtigen Team müssen nicht immer alle einer Meinung sein. Aber ein Team, das sich gegenseitig zuhört, ernst nimmt und dann ehrlich an einer gemeinsamen Lösung arbeitet, ist eben ein starkes Team. Eines, das seine ganze Energie in den gemeinsamen Weg investiert, statt sie in inneren Scharmützeln zu verpulvern.
Ergo: Auch unser inneres Team will verstanden werden. Doch oft sind einige Stimmen derart tabu - da gelingt das nicht. Da drücken wir sie lieber weg.
Das geht nun wirklich nicht.
Reiss dich zusammen.
Der Kampf beginnt.
Ich habe mich einmal mit einem (teuren) Hotel verbucht. Nun kann man diskutieren, ob es Pech war oder ob eine Art Betrug dahinter lag - aber darum soll es nicht gehen. Kurzfristig gab es vor Ort nur zwei Alternativen: Gehen oder Bleiben. Die eine Stimme sagte:
“Buch was anderes. Du fühlst dich hier nicht wohl. Du willst hier nicht sein. Du kannst es dir erlauben, also buch. Buch! Jetzt. Worauf warten? Denk dran, du würdest mit ABSOLUTER Überzeugung einer guten Freundin empfehlen, genau das gleiche zu tun. Also BUCH jetzt und zieh um!"
Die andere Stimme sprach: "Reiss dich zusammen. Andere haben richtige Probleme und du hast ein Problem mit einer Urlaubswohnung? Lächerlich. Was stimmt nicht mit dir? Stell dich nicht so an! In ein anderes Hotel umzuziehen ist teuer, Schwachsinn und eine absolute Verschwendung. Du hast schon genug Geld ausgegeben. Noch mehr Geld auszugeben ist unvernünftig! UNVERNÜNFTIG, abgehoben und weltfremd. Macht man nicht. Du wirst es überleben, also spar dir die Verschwendung. Und überhaupt, was für eine Frechheit, diese Bude so anzubieten! Beschwer dich lieber, statt neu zu buchen.
Umziehen macht keinen Sinn!”
Doch, macht Sinn!
Nein! Bist du beknackt?
Doch.
Nein.
Doch.
… und so sieht es dann aus, das Gerangel mit sich selbst.
Wie ging es aus?
Ich habe eine neue Unterkunft gebucht. Ich habe viel Geld gezahlt, es war teuer, und ich habe es akzeptiert, dass es teuer war und für viele andere unvernünftig erscheinen mag. Und es war herrlich.
Ich bin der festen Meinung, dass es eine der besten Ideen seit Langem war. Denn ich habe nach “meiner” Logik und Natur und Wünschen gehandelt und nicht nach gelernten Stimmen, die gar nicht zu meinem Leben passen. Und auch nicht passen sollen.
Ich bin eben kein Angler. Und ich will kein Angler sein. So einfach. So schwer. Und so richtig, wenn man merkt, was passiert, wenn man ES SICH ERLAUBT.
Und genau das ist des Pudels Kern: WIR müssen uns die Dinge erlauben. Es kann niemand anderes für uns tun. Und genau davon hängt dann unser Frieden ab.
Und - ganz wunderbar - kurz danach bin ich über einen Spruch gestolpert, der lautete:
"Frieden ist eine Entscheidung."
Du darfst.