Was würde ein freier Mensch tun?
Also. Eigentlich wollte ich über das Verzetteln schreiben. Aber dann ist doch etwas anderes draus geworden (verzettelt?) - nämlich die Fragestellung, was einen freien Menschen ausmacht.
Ich komme auf diese Frage, als ich feststelle, wie mir gerade Zeit und Energie durch die Finger rinnen. Immer wieder taucht etwas Spannendes zu lesen auf, was zum Aufräumen, eine Idee, die notiert werden will, und nochwas, und ach ja.
Ist das ein Problem? frage ich mich. Gute Frage.
Gedanklich gebe ich die Frage weiter:
Was würde ein freier Mensch dazu sagen?
Mein spontaner Gedanke ist: Ich glaube, für ihn wäre das Spiel relativ einfach. Ein freier Mensch tut, was er will.
Aber…
Auch ein freier Mensch (der in unserer Welt lebt) kann nicht gleichzeitig auf dem Mond und in Recklinghausen sein.
Auch ein freier Mensch hat Bedürfnisse, einen Körper mit Bedürfnissen - und Hormone, die ihn in Wallung bringen, wenn zum Beispiel jemand neben ihm eine Schreckschusspistole abfeuert.
Ein freier Mensch ist nicht Supermann.
Der Unterschied: Bewusstsein
Der Unterschied zwischen einem freien Menschen und einem naja-mittel-freien Menschen ist vermutlich: Einem freien Menschen sind diese Lebensregeln bewusst. Er weiss, dass alles einen Preis hat. Er weiss, dass er die Wahl hat und damit auch den Preis wählt. Und dann entscheidet er.
Nehmen wir uns einmal diesen Klassiker vor: “Ich muss arbeiten, weil ich Geld für die Miete brauche.” Klingt unfrei - ist aber, anders betrachtet, vielmehr ein Bündel an Wahlmöglichkeiten von verschiedenen “Preis-Leistungen”.
Zum Beispiel dieser:
In einer schönen, grossen, zentralen Wohnung zu wohnen hat seinen Preis. Vielleicht ist der Preis, einen Job anzunehmen, den man nicht mag.
In einer schönen, kleinen Wohnung zu wohnen hat seinen Preis. Womöglich reicht hierfür ein “vernünftiger” Teilzeitjob, verbunden mit einem etwas längeren Weg zur Arbeit (weil die Wohnung nun nicht mehr so zentral liegt.)
In einer winzigen, rottigen Wohnung zu wohnen hat seinen Preis. Hier reicht vielleicht ein Minijob. Trotzdem kann der Preis hoch sein: Schimmel und Hässlich-Flair gehen auf Kosten der (mentalen) Gesundheit.
Ständig auf dem Sofa von Freunden zu wohnen hat seinen Preis… (Ja, genau)
Ein freier Mensch wählt bewusst zwischen diesen Angeboten. Er hegt keinen inneren Widerstand. Er prüft seine Möglichkeiten (vielleicht auch die, das Spiel zu ändern) - und dann wählt er - und zahlt. Wer auf einen Berg steigen will, kann eben nicht auf dem Sofa sitzen bleiben. You can´t eat the cake and have it, too.
Soweit die Theorie - doch flanschen wir ihr noch einen Hinweis an: Ein Ideal ist häufig schon an sich eine Falle. Ein freier Mensch (aus unserer Welt) ist eben auch mal unausgeschlafen, hat Wertekonflikte und traurige Gefühle über sehr hohe Preise. Isso. Legte er nun ein zu hohes Ideal an einen freien Menschen an, landeten wir in einem Paradoxon: Die Freiheit von Zwängen wird dann selbst zu einem (inneren) Zwang. Ui.
Die drei Angelegenheiten
Zu den Lebensregeln gehören auch “die drei Angelegenheiten”, wie Byron Katie sie nennt. In a nutshell:
Es gibt in unserer Welt immer nur drei Angelegenheiten: Meine, deine und die der Welt. Unsere Aufgabe ist es, sich um unsere Angelegenheiten zu kümmern.
Das bedeutet: Der freie Mensch entscheidet, welche Wahl er trifft und welchen Preis er zahlt (seine Angelegenheit). Und damit ist er dann auch schon fertig.
Was er dann nicht tut, ist folgendes:
Er kümmert sich nicht um die anderen Angelegenheiten.
Zum Bespiel:
Er fragt sich nicht, was die anderen über seinen Wohnungsmove denken. (Was andere denken, ist ihre Angelegenheit.)
Er hadert nicht mit der Realität (die Angelegenheiten der Welt). Wohnungen dürften gar nicht so teuer sein! Fakt ist: Wohnungen sind offenbar gerade teuer. Der freie Mensch akzeptiert diesen Fakt und wählt dann, wie er mit dieser Situation umgeht. Er wählt seine Antwort auf die Umstände: Er könnte sich im Stadtbaurat engagieren, ein Handwerk lernen und selbst ein Haus bauen, auswandern, gar nichts tun…
Er boxt nicht gegen sich selbst und die Welt. Wenn ihn trotzdem ein Gefühl von Neid oder Ärger überkommt, dann lässt er es da sein. Er beobachtet sich und forscht, welches Signal sich vielleicht darin versteckt. Vielleicht merkt er, dass er tatsächlich einem Schwindel aufgesessen ist. Dann richtet er seinen Fokus wieder auf seine Angelegenheiten und auf das, was jetzt zu tun ist: Was mache ich jetzt mit dieser Situation? Wie will ich reagieren? Was ist meine Antwort auf diese Umstände?
Der freie Mensch kümmert sich ausschliesslich um seine Angelegenheiten. Was übrigens nicht heisst, dass er anderen nicht hilft. Der Mensch ist ein soziales Wesen - im besten Fall hilft er zur Selbsthilfe und missioniert nicht.
Ein freier Mensch ist selbstverantwortlich. Ganz logisch, denn weil er frei ist, darf - oder muss? - er für sich selbst die Verantwortung tragen. Er ist für seine Antworten auf Umstände verantwortlich. Wohlgemerkt, nicht für die Umstände - sondern für seine Antwort auf diese Umstände. Egal ob es regnet, ob er gekündigt wird, ob die Nachbarin etwas Doofes über ihn sagt. Das alles sind die Angelegenheiten der anderen. Das heisst nicht, dass er das gut finden muss, auch nicht, dass ihm alles egal ist - sondern eben nur, dass er für die Antwort verantwortlich ist. Und - wir ahnen es - jede Antwort hat wieder einen Preis. Er kann sich ärgern (Preis), ein Eis essen (Preis), die Nachbarin umboxen (Preis!!). Er hat die Wahl.
Selbstverantwortung bedeutet ausserdem: Ein Mensch ist erst frei, wenn er sich selbst aus seinen Gedankengefängnissen entlässt. Wenn er keine Ausreden und keine offiziellen Gründe mehr für sein Verhalten braucht. Hier liegt vermutlich ziemlich viel Freiheitspotenzial versteckt. Versteckt deshalb, weil es oft gar nicht so offensichtlich ist.
Anna ist innerlich erleichtert, dass ihr Laptop kaputt ist, denn dann kann sie heute keine Steuererklärung machen. Berta ist froh, auf einer Gletscherwanderung ohne Handyempfang zu sein, denn dann braucht sie kein schlechtes Gewissen zu haben, nicht an ihr Telefon zu gehen. Cäsar ist froh, dass er die Diagnose XY bekommen hat, denn jetzt kann er sich besser eingestehen, so zu sein wie er ist (mopselig, unkonzentriert, komisch, whatever). Vorher war das nicht möglich.
So lange wir Gründe brauchen, sind wir ganz offensichtlich nicht frei.
Nun klingt es irgendwie doch nach Supermann - dermassen abgeklärt zu sein. Ist ein freier Mensch immer abgeklärt?
Vermutlich nicht. Auch ein freier Mensch hat Zielkonflikte und saure Äpfel, ist nicht allwissend und lebt in einer BANI-VUCA-Welt. Auch für ihn gelten Paradoxien und Unsicherheit.
Ein freier Mensch akzeptiert das - es ist ihm bewusst.
Er akzeptiert, dass er nicht alles versteht, dass er wenig weiss, dass wir wenig wissen.
Wir wissen es nicht, wie gross das Weltall und schwarze Löcher sind und welche Erkenntnisse noch auf uns warten. Als Ignaz Semmelweis 1847 forderte, dass Ärzte ihre Hände desinfizieren, um die Übertragung unsichtbarer Krankheitserreger (heute wissen wir: Bakterien) zu verhindern, wurde er von vielen Arztkollegen ob dieses vermeintlichen Unfugs angefeindet.
Wer also weiss, was man in 50 Jahren über uns sagen wird.
Wir wissen es einfach nicht.
Fazit - so what?
Gibt es das nun eigentlich - freie Menschen?
Vielleicht ist das gar nicht die passende Frage. Vielleicht ist die passende Frage vielmehr: Glaube ich, dass mehr Freiheit möglich ist - und wenn ja, wie geht das?
Zusammengefasst würde ich dafür folgende Punkte notieren:
Alles hat einen Preis. Auch Freiheit hat einen Preis. Sie kann unbequem sein, sie kann überfordern, sie ist (wie wohl fast alles) ein Balanceakt.
Ein unfreier Mensch muss Freiheit erst üben. Jemand, der nach 30 Jahren aus Alcatraz entlassen wird, wird sich nicht sofort in der freien Welt zurechtfinden. (Künstlerische Freiheit übrigens, da Alcatraz natürlich kein Gefängnis mehr ist).
Frei sein kann man kultivieren, üben. Und dabei dürfen wir so frei sein, unser eigenes Tempo zu wählen … (auch wenn unser innerer Kritiker der Meinung ist, das müsse doch eigentlich schneller gehen).
Wer hadert, ist nicht frei. Wer hadert, dass er hadert, ist noch weniger frei.
Wir richten unseren Fokus auf unsere Angelegenheiten.
Regelmässige Check-ins helfen: Was brauche ich gerade? Macht das Sinn, was ich hier tue? Ist es gerade stimmig? Wie wäre es stimmig?
Wir sind wohlwollend zu uns selbst.
Ach ja … und was würde der freie Mensch nun dazu sagen, wenn ihm Zeit, Raum und Energie durch die Finger rinnen?
Vermutlich das:
Es wäre ok. Und würde er feststellen, dass es nicht ok wäre, dann würde er es einfach ändern. No Drama. Hadern würde er wohl nicht, denn vorbei ist vorbei. Er würde sich einfach neu ausrichten - oder sich eben mit ganzem Herzen noch eine Weile weiter verzetteln.
Stay curious.