Vom Schwimmen und sicheren Böden: Wie wir unser Sicherheitsgefühl stärken

I had a dream.

Als Kind hatte ich einen seltsamen Traum, einen der wenigen, an den ich mich noch erinnern kann (spontan würde ich sagen, der einzige). Ich habe geträumt, dass ein Mann im Meer geschwommen ist und geweint hat, weil er ertrinken wird. Irgendwann war er an Land, aber er hat immer noch geweint. Weil er immer noch dachte, dass er ertrinkt.

Ich weiss noch, wie unlogisch ich das fand (war es ja auch): Angst vor dem Ertrinken zu haben, obwohl man an Land ist.
Vor etwas, das gar nicht existiert.

Die Geschichte fiel mir wieder ein, als ich mich neulich über das Thema Sicherheit unterhalten habe - und darüber, was eigentlich genug ist. Genug Gehalt, genug Ersparnis, genug Puffer, genug Sicherheit. Es scheint nie zu reichen. Und auch, wenn man gut aufgestellt ist, scheint man immer noch einen Schritt entfernt zu sein. Erst wenn - dann.

Warum haben so viele von uns dieses immense Sicherheitsbedürfnis?

Nunja, wenig überraschend: Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir wollen uns nicht nur sicher fühlen - bis zu einem gewissen Grad brauchen wir es.

Doch unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, was für sie sicher ist. Wir alle sind unterschiedlich geprägt worden, und das können wir einmal wörtlich nehmen: geprägt sein kommt von PRÄGEN. Eine Prägung ist nicht nur draufgeklebt und sie lässt sich nicht einfach abknibbeln. Eine Prägung wird in etwas hineingestanzt - in einen Gürtel, in ein Buch - oder in ein menschliches System.

Jede Prägung ist anders. Und dennoch erkenne ich fast überall ein ähnliches Muster: Menschen haben eine Menge Ressourcen - und trotzdem reicht es (scheinbar) nicht.

Manchmal reicht dieses Ressourcenbudget nicht einmal dazu, sich eine Pause zu gönnen. Die Angst vor einer imaginären lebenslangen Trägheit fährt uns dann in die Glieder. Sie gleicht einem Szenario aus der frühen Kindheit: „Schiel nicht - sonst können die Augen stehen bleiben.“

Erstaunlicherweise kommt es dabei oft weniger auf die tatsächlichen Gegebenheiten an. Egal ob Taxifahrer oder Salesdirektor (ich habe dazu schon mit beiden gesprochen): In jeder Schicht, in jeder Bubble gibt es diejenigen, die glauben, dass ihr (Ressourcen-) Setting reicht - und diejenigen, die das noch-nicht-genug-Gefühl haben und von einer unsichtbaren inneren Instanz getrieben werden.

Menschen, die glauben, erst wenn, dann (…) werden vermutlich immer ein WENN haben. Es gilt, Unsicherheiten auszumerzen - damit nicht im Falle eines Falles noch etwas passiert.

Dabei ist besonders das eine Falle: die Falles eines Falles. Unser Kopf ist gut darin, sich die absurdesten Dramen vorzustellen. Negativity Bias nennt das die Psychologie, wenn uns groteske, aber real wirkende Szenarien durch den Kopf gehen. Was nur, wenn der Blitz einschlägt und sich Wohnung, Freunde und Bankkonto gleichzeitig in Luft auflösen? Was, wenn man den Job verliert, nie wieder einen neuen bekommt und nach Bulgarien auswandern muss, um dort alleine in einem Keller zu hausen?

Natürlich kann einen so eine Vorstellung wuschig machen. Und - schwupps, da erkenne ich meinen Traum. Da hat jemand so lange Angst (vor dem Ertrinken), bis er sogar an Land gar nicht merkt, dass er nun sicher ist.

3 Übungen und Impulse, um mehr Sicherheitsbewusstsein zu verinnerlichen

Was also hätte dem Ertrinkenden geholfen? Möglicherweise das Bewusstmachen, wo er sich befindet. Ein neuer Blick(winkel) auf seine Füsse hätte ihn erkennen lassen, wie fest er steht. Vielleicht hätte er dann auch den Sand unter seinen Füssen gespürt.

Angst blockiert die Sicht. Wir können dann Dinge oft nicht wahrnehmen, obwohl sie da sind. Doch ein einfacher Trick hilft - zum Glück!
Der Trick lautet:

Fokus verändern.
Bewusst machen.
Sich erinnern.
An den Boden unter den Füssen, an Fähigkeiten, Mittel und Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Und daran, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung oft auf unserer Seite ist.


Drei Übungen

#1 Perspektiven zählen

In aller Regel sind wir nicht machtlos, auch wenn wir uns ohn-mächtig fühlen. In den meisten Fällen haben wir die Macht und die Mittel (genug Macht und genug Mittel), etwas zu tun oder zu ändern oder um einfach einen nächsten Schritt zu gehen.

Die Dinge sind selten schwarz oder weiss - es gibt einfach sehr, sehr viel grau dazwischen. 50 Shades of Grey sozusagen - oder auch in Loriots Worten: Aschgrau, Mausgrau und ein frisches Steingrau. In der digitalen Welt der Hex-Farben gibt es 254 Grautöne zwischen Schwarz und Weiss.
Soll also heissen: Es gibt meist mehr Möglichkeiten als wir denken.
Und das bringt uns zu folgender Übung.

Übung:

Schreibe mindestens 10 Möglichkeiten auf, die du theoretisch in einer sich-ohnmächtig-anfühlenden-Situation tun kannst. Auch wenn es Möglichkeiten sind, die du nicht willst oder unattraktiv findest - es geht zunächst einmal darum, zu merken, dass man eine Wahl hat.
(Und klar, jede Wahl hat auch einen Preis).


Ein Beispiel: Dein Chef hat dich angeraunzt.
Du könntest nun:
Deinen Chef in Ruhe darauf ansprechen, einen souveränen Satz für “das nächste Mal” vorbereiten, dich beim Vorstand beschweren, dich betrinken, krank melden, die Abteilung wechseln, kündigen, auf Teilzeit reduzieren und einen Zweitjob suchen, auswandern, in einem halben Jahr kündigen, eine Kur beantragen, ein Seminar für Kommunikation und Selbstführung buchen, einen Coach nehmen, dich endlich mit ETFs beschäftigen, whatever.

#2 Ressourcen auflisten

Die Idee der Ressourcenorientierung spielt besonders im systemischen Coaching und auch in der Positiven Psychologie eine wichtige Rolle. Sie kann dazu beitragen, unsere Resilienz, unser Wohlbefinden und unsere Zuversicht zu stärken. Ressourcenarbeit wird es genannt, wenn man sich das, was man schon hat, einmal bewusst vor Augen führt.


Übung:
Nimm dir Zeit und einen Zettel und schreibe konkret einmal alles auf, was dir persönlich an Kraft- und Energiequellen, Potenzialen und Ressourcen zur Verfügung steht:

  • Freunde, Familie, Mentoren, gute Geister oder hilfreiche Nachbarn, Ämter, …

  • Ersparnisse, Immobilie(n), bereits erworbene Rentenansprüche, Lebensversicherung, …

  • Mentale und physische Stärken, Skills, Fähigkeiten, Talente, erworbenes Wissen, Abschlüsse, implizites Wissen, …

  • Persönliche Eigenschaften, wie z.B. Humor, Vernunft, Organisationstalent, Zuhören-können, …

  • Routinen, Spiritualität und Glauben, … alles, was dir ansonsten noch einfällt.

#3 Just to think about

Zum Abschluss noch zwei Fragen zum Wirkenlassen, Meditieren, Diskutieren.

  1. Wann genau würde ich mich eigentlich sicher genug fühlen?

    Was müsste dann gegeben sein?
    Und wie sicher wäre ich dann - zu 80, 90, 100 Prozent?
    Woran mache ich meine Einschätzung fest?

  2. Wenn ich die Wahl zwischen diesen zwei Optionen hätte - welches Sicherheitspaket würde ich wählen?

    a. 500.000 Euro
    b. Ein lebenslanges Paket aus mentaler Stärke, unerschütterlichem Selbstwirksamkeitsgefühl und Urvertrauen


Eine Prägung geht nicht einfach so weg. Aber sie kann verblassen oder überprägt werden. Und dafür braucht es eben ein bisserl Energie und Zeit. Also, einfach munter weiter üben. Und falls du gerade irgendwie „schwimmst“: Schau mal kurz auf deine Füsse. Vielleicht stehst du schon längst sicher genug. 🌱

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Was würde ein freier Mensch tun?