Zusammengerissen

Das gelernte Dilemma einer Generation

Neulich auf YouTube: Eine Frau ärgert sich über feindselige und böse Kommentare. Einige Zeit später meldet sie sich erneut zu Wort - diesmal, um sich zu entschuldigen. In ihrer Erklärung wird sie emotional, als sie ihren Perspektivwechsel beschreibt: Das Kind einer Freundin war schwer erkrankt, und sie als Freundin und Mutter konnte das nur schwer aushalten. Vor diesem Hintergrund verblasste ihr Ärger und erschien ihr plötzlich auch nicht mehr angemessen.


Diesen Perspektivwechsel kennen wir alle. Eben haben wir uns über einen Fleck auf der Hose geärgert und dann fällt unser Blick auf die Nachrichten. Unsere Sichtweise ändert sich schlagartig. Und wir schwanken zwischen Erdung, Erleichterung und Ekel über unsere Jämmerlichkeit.

Darf man aus “banalen” Gründen wütend oder traurig sein? Auch wenn in aller Regel immer schlimmere Probleme existieren und es immer Menschen geben wird, denen es unvorstellbar beschissener geht?
Wer bestimmt, was banal ist? Und wo liegt die Grenze?

Ich habe manchmal das Gefühl, dieses Dilemma ist ein Grundgefühl der Generation X. Einer Generation, die mit Müttern und Großmüttern aufgewachsen ist, die einen Krieg und dessen unfassbare Auswirkungen erlebt haben. Als Kind dieser Generation gab es kein Problem, dass mit der schlimmen Kindheit der älteren Verwandschaft mithalten konnte.

Angesichts dieser drastischen Vergleichsprobleme waren die eigenen Probleme einfach zu mikrig. Für Kinder der Generation X konnte es also nie einen Grund geben, traurig oder wütend zu sein. Und so wurde “Reiss dich mal zusammen!” die Losung ihrer Kindheit.

Ich erinnere mich, als ich als Kind einmal einen Apfel gegessen und so sehr abgenagt habe, dass nur noch ein ganz schmaler “Apfelknurz” übrig blieb (…by the way - eine der grössten Fragen bis heute: Wie nennt man eigentlich einen Apfelknurz?). Ich war stolz und zeigte es einem Erwachsenen. Dieser liess mich gleich wissen, dass sich das nicht gehörte. “Wir haben gehungert und du willst fürs Aufessen noch ein Lob?”

Wir hatten Hunger, und wir haben gefroren. Diese Brisanz ist natürlich auch für Kinderseelen schlüssig, und deswegen rissen wir uns zusammen. Ja, und wahrscheinlich schämten wir uns auch, nicht zuletzt, weil dies gerne als zusätzliche Anweisung folgte: “Du solltest dich schämen!” oder auch: “Dass du dich nicht schämst!”

Über Probleme wurde damals sowieso nicht gerne gesprochen. Zusammenreissen war schliesslich angesagt. Und falls doch mal etwas hervorlugte, dann hiess es: "Das bleibt unter uns". Probleme gingen niemanden etwas an.

Tja. Und jetzt?

Wir ahnen, Aufrechnen ist nicht die Lösung. Dieses „Mir geht’s schlecht… aber anderen geht’s schlechter… da darf ich mich eigentlich nicht beschweren“ hilft häufig einfach nicht.

Nur weil sich jemand ein Bein bricht, heißt das ja nicht, dass mein verstauchter Arm plötzlich nicht mehr weh tut. Und ist es nicht eigentlich ganz schön traurig, wenn man nicht traurig sein darf?

Heute denke ich, es ist gut, wenn man sich zusammenreissen kann. Es ist ein Skill (von der Pike auf gelernt) und dieser Skill hat seine Vorteile.
Und gleichzeitig ist es sicherlich nicht gesund, sich ständig nur zusammenzureissen. Gefühle haben eine Funktion und wir haben es möglicherweise nicht gelernt, ihre Signalwirkung zu lesen und auf natürliche und gesunde Weise mit ihnen umzugehen. Wie auch, wenn Vorbilder fehlten. Wo hätten wir es uns abschauen können?

Gefühle fühlen, ausdrücken, rauslassen - und sich zusammenzureissen - wie so oft liegt die Kunst wohl im Balancieren. Es geht weder darum, in Gejammer zu baden, noch darum, hart wie ein Betonklotz zu sein.

Was Hänschen nicht lernt, lernt eben Hans. Warum also nicht das Gefühle-Spiel nachlernen? Wir lernen schliesslich ein Leben lang, da dürfen wir auch Neues über uns entdecken. Weil wir heute zum Glück auch offener sind und nicht mehr alles unter den Teppich kehren (und damit feststellen: Oh, ich bin nicht allein!). So können wir uns gegenseitig unterstützen, aufhelfen, erinnern, abholen, zuhören, ermutigen. Ja, die Welt ist kein DIY-Projekt, fällt mir da wieder ein. Und: Follow your Nature. Zurück also zu unserer Natur, denn nur weil Dinge normal sind, sind sie automatisch auch natürlich.

Epilog

Im Coaching gibt es ein Tool namens “Gefühlsrad”. Es hilft Menschen dabei, sich ihre Gefühle bewusster zu machen - vor allem, wenn sie nicht geübt darin sind, zu benennen, wie es ihnen geht. “Gut” oder “schlecht” oder vielleicht noch “naja” ist dann oft das ganze Spektrum, die eigene Gefühlslage zu beschreiben. Mit dem Tool erhalten sie eine breitere Palette, um Gefühle mit Worten besser greifen zu können.

Wenn du es auch mal ausprobieren willst: “Gefühlsrad” googlen.

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