Katzenzustände
Stell dir eine Frau vor, die gleichzeitig schwanger und nicht schwanger ist.
Hmmm.
In der Physik gibt es ein Phänomen, das genau so einen Zustand beschreibt. Wissenschaftler haben es in dem Teil der Physik aufgespürt, der sich in allerkleinsten Dimensionen abspielt (auf Atomebene). Sie haben entdeckt, dass ein Atom sich sowohl wie ein Teilchen als auch wie eine Welle verhalten kann. Dieses Gebiet nennt sich Quantenphysik.
Erwin Schrödinger hat dazu ein Gedankenmodell beigesteuert, um diese Idee griffiger zu beschreiben. In “Schrödingers Katze” geht es um eine Katze, die sich zusammen mit einer bestimmten Versuchsanlage in einer verschlossenen Box befindet, und gleichzeitig tot und lebendig ist.
Das klingt schräg und wenig intuitiv - und deswegen steigen wir hier nicht weiter ein (obwohl es spannend ist). Heute geht es nur darum, uns dieses Bild als Metapher auszuleihen. Heute geht es um Katzenzustände.
Ein „Katzenzustand“ beschreibt das Paradox von Schrödingers Katze: zwei sich widersprechende Zustände existieren nebeneinander. Wir nutzen diesen Begriff hier bildlich, um Phänomene in unserer Alltagswelt zu betrachten. Denn unsere Welt ist ebenfalls nicht eindeutig. Sie ist widersprüchlich. Sie verläuft nicht linear und nicht planbar. Sie ist vollgestopft mit Paradoxien.
Und deswegen können wir so etwas beobachten:
📌 Unsere Welt kann schön und hässlich zugleich sein.
📌 Situationen können klar und ebenso verwirrend sein.
📌 Man kann zufrieden und gleichzeitig unzufrieden sein.
📌 Man kann ins Ziel laufen, ohne anzukommen.
📌 Man kann arbeiten, ohne produktiv zu sein.
📌 Man kann informiert sein und sich trotzdem orientierungslos fühlen.
📌 Man kann in Gemeinschaft sein und trotzdem allein.
📌 Man kann müde sein und trotzdem bereit.
📌 Man kann wissen, was nicht stimmt, ohne das Richtige zu kennen.
📌 Man kann sich vom Sinn entfernen, weil man ihn sucht.
Es ist wie bei Schrödingers Katze.
Wir können mehrere Zustände gleichzeitig erleben. Widersprüchliche Gefühle können sich überlagern. Und es kann mehrere Wahrheiten gleichzeitig geben.
Solange wir aber die Welt nach unserer erlernten Logik angehen, wird uns diese Logik mental auf Trab halten. Dann kreisen wir in Gedanken und geraten in Zwiespalt. Dann suchen wir die Wahrheit. Dann sind wir hin-und hergerissen und reiben uns auf.
Und weil die Widersprüchlichkeit unserer Welt mit zunehmender Komplexität vermutlich eher zunimmt, ist es sinnvoll, nach einer Strategie zu suchen, die uns hilft und resilienter macht. Und tatsächlich gibt es eine Kompetenz, die uns dabei gute Dienste leisten kann: Ambiguitätstoleranz.
Ambiguitätstoleranz beschreibt die Fähigkeit, mit genau diesen widersprüchlichen Gleichzeitigkeiten gut zurechtzukommen. Wer eine hohe Ambiguitätstoleranz hat, kann tolerant mit Widersprüchen, Unsicherheit und Mehrdeutigkeiten umgehen. Er kann Widersprüche einfach da sein lassen, ohne sich in innere Kämpfe zu verstricken.
Sich in Ambiguitätstoleranz zu üben, bedeutet im Grunde, sich im Balancieren zu üben -und in Beweglichkeit.
Denn wenn wir über eine Wippe laufen und sie in der Mitte in die Balance bringen wollen - dann funktioniert dies nicht einfach dadurch, ruhig stehen zu bleiben. Es geht um das Austarieren, um ein bewegliches Hin-und-her-Justieren, und darum, sich auf ein Gleichgewicht einzupendeln.
Wir merken dann, dass es oft nicht diese eine klare Haltung gibt, sondern dass die Fähigkeit gefragt ist, sich je nach Kontext in die situative Stimmigkeit einzupendeln. Wir stellen dann fest, dass Stabilität nicht durch Stillstand (stehen bleiben) entsteht, sondern durch ständige kleine Anpassungen.
Im firmeninternen Feedbackbogen gab es früher die Frage “Wie gut kannst du Entscheidungen unter Unsicherheit treffen?” Das war eine wirklich gute Frage. Damals interpretierte ich sie allerdings so, als ob es zweierlei Entscheidungen gäbe - solche unter Sicherheit und solche unter Unsicherheit. Aber machen wir uns nichts vor: Entscheidungen sind quasi immer unter Unsicherheit. Denn niemand weiss, was tatsächlich passiert und was im anderen Fall wirklich passiert wäre. Es können eine Menge günstiger oder ungünstiger Zufälle (Ereignisse) eintreten und die Verlaufsrichtung beeinflussen. Zahlreiche Schmetterlinge können mit ihrem Flügelschlag unabschätzbare Wirkungen verursachen. Und wir können dann darüber spekulieren und Thesen bilden - aber wissen tun wir es nicht.
Wir können also lernen, zu akzeptieren, dass wir Menschen uns immer wieder in einem Spannungsfeld befinden. Wir pendeln zwischen Welten, Werten und Wahrheiten. Wir pendeln zwischen Gegensätzlichkeiten, Bedürfnissen, Zielkonflikten. Wir sind stark und können gleichzeitig schwach sein. Wir glauben an Logik und gleichzeitig an Wunder. Wir können einen Menschen lieben und uns gleichzeitig Zeit für uns allein wünschen.
Wir bestehen aus Atomen und vielleicht auch aus Wellen. Wir sind Yin, und wir sind Yang. Wir sind alles.
Katzenzustände.
Epilog
Wie wäre es, wenn wir uns diese Idee zum Anlass nehmen, etwas Druck von unseren Ansprüchen zu nehmen und uns ein paar Dinge zu erlauben:
🧡 Wir müssen nicht immer sofort wissen, was richtig ist.
🧡 Wir müssen nicht immer den Durchblick haben.
🧡 Wir müssen nicht zu allem eine Meinung haben.
🧡 Wir müssen nicht alles verstehen.
🧡 Wir können lernen, uns trotz Unsicherheit sicher zu fühlen.
Anhang
Die Quantenphysik dient hier nur als bildliche Metapher. Und gleichzeitig präsentiert sie uns die Erkenntnis, dass wir eben so viel weniger wissen, als wir denken. Wer mag, googelt nach “Doppelspaltexperiment” oder “Schrödingers Katze” und fängt an zu staunen. Absolute Empfehlung, absolut spannend, maximal verwirrend 😊
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