Über das Innenleben der Ziele
Ziele setzen: Gedanken über unsere Ziele, ihre Wirkung und blinde Flecken
Ely kaut seit 15 Minuten auf ihrem Kugelschreiber. Wieso hatte sie sich nur darauf eingelassen? Und wie sollte sie anfangen?
In letzter Zeit kam sie oft schwer in die Gänge. Dies war wohl auch der Grund gewesen, sich für das Thema zu melden. “Das ist ein Zeichen” dachte sie damals und bevor sie sich selbst widersprechen konnte, hatte sie schon zugesagt.
Seit einer ganzen Weile sitzt Ely nun auf ihrer Lieblingsdecke und wartet auf eine Eingebung. Sie beobachtet, wie eine Biene brummend um den Lavendelbusch schwirrt, als ihr ganz plötzlich alte Erinnerungen hochkommen. Ely muss lächeln.
Lange hatte sie kein wirkliches Verhältnis zu “Zielen” - geht es ihr durch den Kopf. Erst als sie nach dem Studium auf Jobsuche war, rutschte es in ihr Bewusstsein.
Ziele waren einfach da. Das “Klassenziel erreichen” zum Beispiel, das Sportabzeichen oder das Abitur. Das alles fühlte sich allerdings mehr wie ein Auftrag an und weniger wie die eigene Idee. Auch hatte sie nie den Drang, eine bestimmte Note zu erreichen, vielmehr ging es immer darum, die nächste Runde in einem mittelmässig spannenden Game zu erreichen. Da Ely in der Schule gut klar kam, erschien ihr das Abitur weder als Hürde noch als Verheissung. Eher als eine Art großer Abwasch, der halt gemacht werden musste.
Das Studium kam ihr schon schwieriger vor und war auch bewusster gewählt. Aber auch dort bestand ihr Ziel einfach darin, “es zu schaffen”.
”4 gewinnt” lautete das Motto dieser Jahre, mit dem sie zum Ausdruck brachte, dass der Abschluss nur Mittel zu Zweck war, und dass es ihr nur darum ging, eine Eintrittskarte für einen “ordentlichen Job” zu erhaschen. Und dafür reichte die Note 4.
Sie bekam die Eintrittskarte. Und entsprechend motiviert war sie nun, den richtige Job zu finden und sich in Bewerbungsgesprächen als passende Besetzung zu präsentieren. Sie besorgte sich einen Bewerbungsratgeber, um sich auf mögliche Fragen und deren gekonnte Beantwortung vorzubereiten.
Als sie den Ratgeber aufschlug, sprang ihr das folgende Fragendoppel entgegen:
“Was sind Ihre Ziele? Wo sehen Sie sich in 5 Jahren”?
Patsch. So motiviert Ely eben noch war, so ausgebremst fühlte sich sich wenige Sekunden später.
Woher sollte sie denn das wissen?
”So viele Möglichkeiten!” sprudelte es in ihrem Kopf. Man kann doch gar nicht überschauen, was es alles gibt! Und was es in 5 Jahren geben wird!
Und wie zum Teufel sollte sie wissen, ob ihr ein Job gefällt, den sie noch nie vorher gemacht hatte - mit Menschen, die sie noch gar nicht kannte?
Wo sehe ich mich in 5 Jahren?
Ely überlegte. Was war ihr eigentlich wichtig?
Einen ganzen Nachmittag saß sie damals auf der selben roten Decke unter dem Kirschbaum ihres Nachbarn und blinzelte immer wieder auf diese Frage. Wo sehe ich mich in 5 Jahren?
“Also Ely”, redete sie mit sich selbst. Was wäre cool? Was wäre wichtig? Und was wäre nicht verhandelbar?
Abends hatte sie eine Antwort für sich gefunden. Sie war zufrieden mit sich und ihrer Erkenntnis, auch wenn sie nicht sicher war, ob diese den ursprünglichen Zweck erfüllen würde, in einem Jobinterview zu überzeugen.
Ely bekam einen Job. Sogar einen Coolen.
Neulich hat Ely ihre damaligen Notizen wiedergefunden. In einem kleinen Büchlein entdeckte sie diese Zeilen :
Wo sehe ich mich in 5 Jahren?
In 5 Jahren …
- will ich einen guten Jobeinstieg gehabt und Berufserfahrung gesammelt haben. Dann bin ich noch sicherer bzw. qualifizierter für das Berufsleben.
- will ich finanziell unabhängig (von Eltern oder so) sein.
- will ich einen Job haben, der mir Spass macht.
Ely lächelt. Alles hatte damals geklappt. Und alles machte jetzt Sinn. Sie klappt ihren Laptop auf tippte eine Überschrift.
“3 Dinge, die ich über Ziele gelernt habe”
Und dann schreibt Ely. Sie verschmilzt zu einer Einheit mit Laptop, Decke und Kirschbaum. Wie von selbst gleiten ihre Finger über die Tastatur und sie schreibt den Artikel nieder, den sie im vorauseilenden Eifer zugesagt hatte. Bis eben lag ihr das Vorhaben unausgegoren und wie Blei in ihrem Magen - doch jetzt spürte sie, wie frische Energie ihren Körper durchströmte.
Der angekaute Kugelschreiber hatte ausgedient. Ely´s Gedanken fliessen zu Sätzen und versickern über die Tastatur in ihren Laptop.
3 Dinge, die ich über Ziele gelernt habe
Was macht ein gutes Ziel aus?
Drei spannende Erkenntnisse, die ich gerne schon früher verstanden hätte.
Learning 1 - Mach dir deine Intention klar
Ziele sind kein Selbstzweck. Ziele haben eine Funktion:
Ziele setzen eine Handlung in Gang,
Ziele bestimmen die Richtung und
Ziele helfen beim sich-klar-werden über einen gewünschten Zustand (Was will ich eigentlich?).
Und, ja, genau deswegen macht es Sinn, sich Ziele zu setzen. Denn wer nicht dort ankommen möchte, wo er gar nicht hinwill, der darf sich darüber bewusst sein, was er in sein inneres Navi eingeben will. “Hallo, bitte navigiere mich zur nächsten Beförderung!”
Studien belegen dabei: Wer Ziele niederschreibt, erhöht dabei die Umsetzungswahrscheinlichkeit. Und wer Ziele SMART formuliert hat noch bessere Karten. SMART ist ein Akronym und bedeutet: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert.
Soweit, so klar. Doch die spannende Frage lautet:
Wozu dient dieses Ziel?
Immer wieder lesen oder hören wir von Mitmenschen, die offenbar nicht glücklich sind, obwohl sie ihre Ziele - und noch viel mehr - erreichen. Das wirkt tragisch und nach einer ziemlichen Energieverschwendung. Doch es gibt Möglichkeiten, dieses “Risiko” zu minimieren. Bevor wir also mit all unserer Kraft ein Ziel ansteuern, könnten wir unsere Intention hinterfragen und herausfinden, was wir eigentlich mit diesem Ziel bezwecken wollen:
👉 Warum möchte ich diese Sache erreichen?
👉 Was erhoffe ich mir davon?
👉 Welches Gefühl verbinde ich mit diesem Ziel?
👉 Welches Bedürfnis hoffe ich damit zu befriedigen?
👉 Was ist mir dann möglich?
Zusammengefasst können wir uns also fragen:
👉 Was ist mein Ziel hinter dem Ziel?
Dazu ein Beispiel:
Was erhofft sich möglicherweise jemand von einer Beförderung?
Ist es die fachliche Herausforderung, der man sich für das eigene Wachstum stellen möchte? Geht´s um Glück, Zufriedenheit und Sinn?
Oder ist es möglicherweise die Hoffnung, (endlich) ernst genommen zu werden? Geht es um Sicherheit, Zugehörigkeit, Prestige?
Darum, was andere von mir denken?
Oder weil ich gar keine andere Idee habe?
Learning 2 - Ziele-setzen ist eine Motivationsquelle
Viele Menschen lieben Ziele.
Diesen Ziel-Enthusiasten sei gesagt, dass sie diesen Abschnitt gerne überspringen dürfen, denn er richtet sich vielmehr an diejenigen, die mit Zielen wenig anfangen können.
Nicht Wenige empfinden das Ziele-Spiel als krampfig und denken dabei an ihren Vorgesetzen, dessen Leadership-Knowhow nur aus KPIs, Targets und Zielerreichungsgraden besteht.
Auch Freiheitsliebende, für die Flexibilität ein hohes Gut darstellt sind manchmal skeptisch. Der Weg ist das Ziel, so der Gedanke, also brauche ich kein Ziel und cruise durch die Welt. Doch häufig fällt dann auf, dass man sich nur im Kreis bewegt. Wo soll es eigentlich hingehen?
Planlos stochert so mancher in der Welt herum und unterliegt dem Paradox of Choice. Wenn man theoretisch alles machen kann, was man will - was macht man dann? Eine Festlegung für ein Ziel fühlt sich dann oft nach FOMO an.
Gar kein Ziel zu haben scheint demnach kein erstrebenswertes Ziel zu sein (zumindest, solange man noch nicht erleuchtet ist). Und gleichzeitig ist es unlösbar (“mein Ziel ist es, kein Ziel zu haben” :)
Die positive Psychologie, die sich mit dem Aufblühen des Menschen beschäftigt, bestätigt ebenfalls: Ziele (und ihr Erreichen) tragen zu unserer Zufriedenheit bei.
PERMA nennt sich ihr wichtigstes Modell - und auch dabei handelt es sich um ein Akronym: Jeder Buchstabe repräsentiert einen “Glücksfaktor”, auf den wir selbst Einfluss nehmen können:
Positive Emotionen,
Engagement,
Relationships,
Meaning
und - jetzt kommt`s: - Achievements
Es trägt also zu unserem Wohlergehen bei, wenn wir uns ein Vorhaben setzen und dieses dann verfolgen (Achievements!). Ein Grund dafür sind die Hormone. Vorhang auf für Mrs. Dopamin, die Fokus- und Energielieferantin!
📌 Dopamin wird oft als Glückshormon beschrieben, aber: Es ist eher ein Antriebs- und Erwartungshormon, ein Vorfreude-Hormon. Dopamin erscheint also nicht (nur) beim Erreichen eines Ziels vor, sondern bei der Annäherung an das Ziel. Die größte Dopaminausschüttung passiert, wenn unser Gehirn erkennt: „Hey, das könnte klappen! Das scheint erreichbar!“ Dopamin aktiviert und motiviert uns dann, loszugehen. Wir bekommen (Handlungs-) Energie, weil unser System eine Belohnung erwartet.
📌 Kleine (Zwischen-)Ziele funktionieren dabei meist besser als grosse Ziele. Denn: Kleine Ziele wirken eben noch erreichbarer.
Wer sich also etwas antriebslos, schlapp und lost fühlt, und dabei das Gefühl hat, sich im Kreis zu drehen - der könnte es also mal mit (kleinen) Zielen probieren!
Netter Nebeneffekt: Das Vertrauen in uns selbst wächst automatisch mit.
Learning 3 - Alles hat seinen Preis
This is a big one. Ein Punkt, den wir oft übersehen, ist unsere einsgeschränkte Sicht. Dann nämlich, wenn wir denken:
Erfolg - ja bitte! Aber anstrengend sollte es nicht sein!
Statt etwas Relevantes zu tun, suchen wir lieber den ultimativen Insta-Hack.
Wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Häufig wollen wir glauben, dass es Wunderformeln gibt. Muskeln ohne Training, Beziehungen ohne Kompromisse, Erfolg ohne Arbeit. Wir wollen glauben, dass man sich waschen kann, ohne nass zu werden. Doch: Man wird eben beim Waschen nass. Das ist der Preis, den wir oft verdängen.
Alles hat eben seinen Preis. Und das wiederum bedeutet, dass wir auch bei unseren Zielen die Preisfrage stellen dürfen. Was kostet der Spass überhaupt?
👉 Was ist eigentlich der Preis, den ich zahle, wenn ich dieses Ziel erreiche?
👉 Was ist der Preis, wenn alles beim Alten bleibt?
Zum-Sport-gehen hat seinen Preis.
Nicht-zum-Sport-gehen hat seinen Preis.
Karriere-machen hat seinen Preis.
Keine-Karriere-machen hat seinen Preis.
Eine Aufgabe mit Liebe erledigen hat seinen Preis.
Eine Aufgabe halb-herzig machen hat seinen Preis.
… und so weiter. Du entscheidest.
Die möglichen Preise für einen möglichen Erfolges können übrigens ganz unterschiedlich daherkommen.
Da wären zum Beispiel: Kurze Nächte, verpasste (Kinder-)geburtstage, auslaufende Freundschaften, schwindende Verbundenheit zu alten Weggefährten, Schuldgefühle, Neid, Wertekonflikte, Autonomieverlust, abnehmende Privatsphäre durch zunehmende Aufmerksamkeit - und so weiter.
Und daraus ergibt sich eine spannende Sicht auf das Thema Prokrastination: Aufschieberitis entsteht nach dieser These deshalb nicht zwangsläufig aus Angst vor dem Scheitern - sondern auch aus Angst vor Erfolg. Dann nämlich, wenn wir ahnen, dass der angestrebte Erfolg einen Preis hat (siehe oben) und uns dann unbewusst dagegen sperren.
Wem dabei “Angst vor Erfolg” zu absurd klingt, der formuliert es besser so:
Uns hemmt nicht nur die Angst vor Misserfolg - sondern auch die Angst vor dem Preis, den ein Erfolg mit sich bringen würde.
Ely klappt zufrieden ihren Laptop zu. “QED!” denkt sie und grinst. Quod erat demonstrandum - was zu beweisen war. Diesen Satz hatte ihr alter Mathelehrer immer benutzt, wenn er feierlich eine mathematische Beweisführung an der Tafel beendet hatte. Und so ähnlich fühlt sie auch gerade: Das Vorhaben “Einen Artikel über Ziele schreiben” war hiermit erfolgreich abgeschlossen und ihre zufriedene Verfassung bewies quasi dessen Schlüssigkeit: Den Dopamin-Motivationsschub, den sie wahrgenommen hatte - und nun der Stolz über die Fertigstellung. Wie sie es liebt, im Flow zu sein! Dieser Nachmittag - stellt sie inspiriert fest - hat eindeutig auf das A von PERMA (Achievement) eingezahlt! Sie streckt dehnend die Arme in die Höhe und läßt sich zufrieden nach hinten auf die rote Decke plumsen. Auf dem Rücken liegend sieht sie am Himmel, wie puderfarbene Wolken ein lachendes Gesicht formen, das ihr zublinzelt.
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